Die Situation von Double Duty Carern in Deutschland

Nachfolgend stellen wir einige Kernergebnisse aus der im Rahmen des Projekts durchgeführten quantitativen Studie vor. Ziel der Studie war es, die Arbeitssituation von Double Duty Carern in Deutschland zu charakterisieren und zu ermitteln, wie häufig das Phänomen ist. Der Aufbau der Studie ist hier [Link] beschrieben.

In die Studienergebnisse sind Angaben von 495 Pflegefachpersonen sowie Pflege- und Betreuungskräften aus 40 ambulanten und stationären Pflegeeinrichtungen aus 16 Bundesländern eingegangen.

Wie sieht die familiale Pflegesituation der Double Duty Carer aus?
  • Knapp zwei Drittel der Double Duty Carer versorgt einen pflegebedürftigen Angehörigen, ca. 21 % zwei Angehörige, und eine Person gab an, dass sie vier Angehörige versorgt.
  • Die Altersspanne der pflegebedürftigen Angehörigen reicht von unter einem Jahr bis zu 94 Jahren.
  • Die Pflegedauer beträgt im Mittel vier Jahre, wobei die Spanne recht groß ist und zwischen zwei Monaten und 37 Jahren variiert.
  • Der Pflegeumfang beträgt im Durchschnitt 17 Stunden pro Woche und schwankt ebenfalls stark, zwischen einer Stunde pro Woche und rund um die Uhr, wenn nicht gearbeitet wird. Die Rund-um-die-Uhr-Pflege liegt meist dann vor, wenn es sich um pflegebedürftige Kinder handelt. Gepflegt wird im Durchschnitt an vier Tagen pro Woche, wobei familiale Pflegeaufgaben oft auch an freien Tagen ausgeführt werden. Das bedeutet, dass die Tage, die für die Erholung gedacht sind, nicht oder nur eingeschränkt für die Erholung genutzt werden können.
  • Die Aufgaben, die von den Double Duty Carern im Rahmen der familialen Pflege übernommen werden, sind vielfältig und entsprechen denen von anderen pflegenden Angehörigen. Das reicht von „Gesellschaft leisten“ über „Haushaltsführung“ und „Unterstützung bei der Kommunikation“ bis hin zur „Planung und Organisation“ der familialen Pflege. Den geringsten Anteil machen Pflege- und Betreuungsaufgaben (z.B. Körperpflege, Unterstützung bei der Nahrungsaufnahme und beim An- und Auskleiden usw.) aus und den größten Anteil nimmt die Planung und Organisation der familialen Pflege ein.
  • Unterstützt wird die Pflegesituation vor allem durch Familienmitglieder, gefolgt von Freunden und Bekannten sowie an dritter Stelle anderen pflegenden Angehörigen (informelle Pflege).
  • Auf der professionellen Seite sind Ärzt*innen und Kostenträger die am häufigsten genannten Unterstützer*innen, gefolgt von Therapeut*innen (z.B. Ergo-, Physiotherapeuten). Weniger als die Hälfte der Double Duty Carer nimmt Pflegedienste oder Tagespflege in Anspruch.
  • Am höchsten ist die Zufriedenheit mit der Unterstützung durch Therapeut*innen, gefolgt von den Pflegediensten und den Familienmitgliedern. Am wenigsten zufrieden sind die Double Duty Carer mit ehrenamtlichen Helfer*innen.
Wie ist die Arbeitssituation der Double Duty Carer?
  • Zwischen dem arbeitsvertraglichen und tatsächlichen Stundenumfang zeigen sich im Mittel keine bzw. nur sehr geringe Unterschiede zwischen Beschäftigten mit und ohne familiale Pflege. Von einer Veränderung des Arbeitsstundenumfanges mit Übernahme der privaten Pflegeaufgaben kann daher nicht ausgegangen werden.
  • In Bezug auf Arbeitszeiten und Schichtarbeit zeigen sich einige Unterschiede. Double Duty Carer arbeiten etwas seltener im Drei-Schichtsystem und dafür eher in Zwei-Schicht-Systemen (z. B. Früh- und Spätdienst) oder nur im Frühdienst.
  • Bezogen auf Wochenendarbeit und Dienstplanveränderungen (z.B. aufgrund von Erkrankung eines Kollegen) zeigen sich kaum Unterschiede zwischen Double Duty Carern und Beschäftigten ohne familiale Pflegeaufgaben. Double Duty Carer arbeiten annähernd genauso häufig am Wochenende und springen annähernd genauso oft ein, wenn es notwendig ist, wie Beschäftigte ohne familiale Pflege.
  • Möglichkeiten, die eigene Arbeitszeit mitbestimmen zu können (z.B. Wann beginne ich zu arbeiten, Wann höre ich auf? Wann nehme ich freie Tage oder Urlaub?) werden von Double Duty Carern und Beschäftigten ohne familiale Pflegeaufgaben gleichermaßen gering eingeschätzt.
  • Von 67 % der Double Duty Carer wissen Vorgesetzte und bei 70 % die Kolleg*innen von der familialen Pflege. Bei 18 % der Double Duty Carer wissen die Vorgesetzten und bei 16 % die Kolleginnen und Kollegen nicht Bescheid. Die restlichen Double Duty Carer gaben an, dass sie nicht wissen, ob die Vorgesetzten bzw. Kolleg*innen von ihren familialen Pflegeaufgaben informiert sind. Hier liegt die Vermutung nahe, dass die Double Duty Carer ihre Vorgesetzten und Kolleg*innen nicht direkt informiert haben.
Wie hat sich das Arbeitsleben seit der Übernahme der familialen Pflege verändert?
  • Knapp ein Drittel der Beschäftigten gab an, dass es keine Veränderungen gab.
  • Fast ebenso viele Beschäftigte gaben an, dass sie häufiger von der Arbeit aus mit dem pflegebedürftigen Angehörigen oder umgekehrt mit der Arbeit telefonieren, um Absprachen zu treffen oder sich zu versichern, dass bei dem Angehörigem alles in Ordnung ist.
  • Etwa 22 % der Beschäftigten gaben an, dass sie ihre Urlaubszeiten auf die Organisation und Betreuung des pflegebedürftigen Angehörigen ausrichten. Das bedeutet, dass diese Personen auch den Urlaub für die familiale Pflege nutzen und er nicht vorrangig der Erholung dient.
  • Zwischen 17 % bzw. 13 % der Beschäftigten gaben Veränderungen von Dienstzeiten bzw. eine Reduzierung des Arbeitsstundenumfanges an.
Wie steht es um die Vereinbarkeit von Arbeit- und Privatleben bei den Double Duty Carern?

In Hinblick auf die Vereinbarkeit wurden einerseits positive Aspekte wie Kompetenzerwerb und andererseits negative Aspekte wie zeitliche Konflikte und Beanspruchungskonflikte betrachtet.

  • Double Duty Carer gaben an, dass sie, im Vergleich zu den Beschäftigten ohne familiale Pflegeaufgaben, mehr Wissen und Fähigkeiten aus der beruflichen Pflege in das Privatleben und damit in die familiale Pflege einbringen.
  • Während zeitliche Konflikte bei Double Duty Carern und Beschäftigten ohne familiale Pflegeaufgaben gleich ausgeprägt sind, bringen Double Duty Carer eher Sorgen und Erschöpfung aus dem Privatleben mit an den Arbeitsplatz.
  • Double Duty Carer und Beschäftigte ohne familiale Pflegeaufgaben gaben an, dass manchmal die Zeit für Erholung, Freizeitaktivitäten, Familie und Freunde oder Hobbys fehlt.
  • Obwohl dafür gelegentlich die Zeit fehlt, gaben sowohl Double Duty Carer als auch Beschäftigte ohne familiale Pflegeaufgaben an, dass eine gewisse Balance zwischen Arbeits- und Privatleben vorhanden ist.
Wie steht es um die Gesundheit und den Schlaf der Double Duty Carer?
  • Insgesamt schätzten alle Beschäftigten ihre Gesundheit als nicht so gut ein, wobei Double Duty Carer die körperliche und seelische Gesundheit noch schlechter bewerteten als Beschäftigte ohne familiale Pflegeaufgaben.
  • Im Durchschnitt schlafen Double Duty Carer und Beschäftigte ohne familiale Pflegeaufgaben 6 Stunden pro Nacht. Damit ist die Schlafdauer recht kurz und liegt unter der mittleren Schlafdauer von 7 Stunden pro Nacht bei Erwachsenen. Die Beschäftigten liegen mit diesem Wert im Bereich der sog. Kurzschläfer.
  • Im Vergleich zu Beschäftigten ohne familiale Pflegeaufgaben benötigen Double Duty Carer im Mittel etwas länger um einzuschlafen, wobei die Einschlafzeit immer noch im akzeptablen Bereich ist.
  • Die Schlafqualität beurteilen sowohl die Double Duty Carer als auch die Beschäftigten ohne familiale Pflegeaufgaben als mittelmäßig, was sicher auch mit der kurzen Schlafdauer zusammenhängt.
Können sich Double Duty Carer vorstellen, die familiale Pflege und ihren Pflegeberuf weiterhin auszuüben?

Thomas Fischer
Wilhelm Beckmann
Heidi Clasen
Irén Horváth-Kadner
Kerstin Thümmler
Anne-Katrin Haubold
Stand Januar 2019

  • Der größte Teil der Beschäftigten mit privaten Pflegeaufgaben (etwa 55 %) kann sich vorstellen die familiale Pflege weiterzuführen bzw. den Stundenumfang dafür zu erhöhen.
  • Etwas mehr als ein Drittel der Beschäftigten mit familialer Pflege gab aber auch an, dass dafür die Situation so bleiben müsse, wie sie aktuell ist, die Anforderungen an sie also nicht steigen dürften.
  • Etwa 11 % der Double Duty Carer gaben an, dass sie sich die familiale Pflege nur mit mehr Unterstützung vorstellen können.
  • Insgesamt bedeutet das, dass knapp die Hälfte der Double Duty Carer aktuell oder spätestens mit eintretenden Veränderungen in der familialen Pflege z.B. durch eine Verschlechterung des Gesundheitszustandes des pflegebedürftigen Angehörigen Unterstützung benötigt.
  • Bezüglich der Berufsausübung gaben die Double Duty Carer genauso wie Beschäftigte ohne familiale Pflegeaufgaben an, dass sie selten an eine Berufsaufgabe denken. Das ist besonders mit Blick auf den Fachkräftemangel ein positives Ergebnis und sollte durch Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit des Arbeits- und Privatlebens unterstützt werden.