DDC – Eine doppelte Pflegeaufgabe

Double Duty Carer sind eine besondere Gruppe von pflegenden Angehörigen. Als Angehörige von pflegebedürftigen Menschen übernehmen sie nicht nur privat Aufgaben in der Begleitung, Versorgung und Pflege, sondern sie sind gleichzeitig auch beruflich in der Pflege tätig, zum Beispiel als Gesundheits- und Krankenpfleger*innen oder Altenpfleger*innen.

Pflegende Angehörige

Angehörige von pflegebedürftigen Menschen, umgangssprachlich als pflegende Angehörige bezeichnet, leisten einen bedeutenden Beitrag zur Gesundheitsversorgung. In der Fachliteratur wird diese Personengruppe häufig als „Deutschlands größter Pflegedienst“ bezeichnet (Wetzstein, Rommel & Lange, 2015). Obwohl die Pflege eines pflegebedürftigen Menschen meist auf mehreren Schultern verteilt ist, liegt die Hauptlast zumeist bei den weiblichen Familienmitgliedern (72 %).

Sind Angehörige erwerbstätig, dann stellt dies eine besondere Herausforderung dar, Beruf, Familie und die private Pflege nahstehender pflegebedürftiger Menschen miteinander zu vereinbaren.

Der Anteil der Angehörigen, die neben ihren beruflichen Verpflichtungen auch privat in Pflege- oder Unterstützungsleistungen eingebunden sind, ist über die vergangenen Jahre deutlich gestiegen (Nowossadeck et al. 2016, Rothgang et al. 2015; Schmidt & Schneekloth 2011). Während 2001 noch ca. 51 % der unter 65-jährigen erwerbstätigen Personen in private Pflegeaufgaben eingebunden waren, waren es laut dem sozio-ökonomischen Panel2012 schon über 65 % in Deutschland, Tendenz steigend.

Diese Entwicklungen legen nahe, dass auch ein Teil der Gesundheitsfachpersonen (z. B. Pflegekräfte, Therapeuten) zusätzlich zu den beruflichen Pflege- und Versorgungsaufgaben die Rolle von erwerbstätigen pflegenden Angehörigen übernehmen muss, zumal in der Gesundheitsbranche vorwiegend weibliche Mitarbeiter tätig sind.

Was ist bei Gesundheitsfachpersonen mit privater Angehörigenpflege anders im Vergleich zu pflegenden Angehörigen aus anderen Branchen?

Eine doppelte Verpflichtung zu pflegen und zu versorgen – Double Duty Caregiving

Ward-Griffin (2013) prägte für diese besondere Personengruppe den Begriff der „Double Duty Carer (DDC)“. Im Unterschied zu anderen pflegenden Angehörigen schultert diese Personengruppe nicht nur eine Doppelbelastung, sondern nimmt auch eine doppelte („double“) Verpflichtung („duty“) in Sachen Pflege und Versorgung auf sich. Dies heißt, DDC sind privat und beruflich in ähnlichen Aufgabenfeldern beschäftigt. So ist die Distanz zwischen dem beruflichen und privaten Sozialraum nahezu aufgehoben. Gerade diese Distanz wird jedoch von pflegenden Angehörigen in anderen Berufsbereichen zum Teil als sehr hilfreich und unterstützend wahrgenommen (Keck, 2012).

Berufliches Wissen

Aufgrund ihres beruflichen Wissens werden Double Duty Carer oft mit Erwartungen aus dem familiären und beruflichen Umfeld konfrontiert, die Pflege(verantwortung) auch privat für einen pflegebedürftigen Angehörigen zu übernehmen (Ward-Griffin 2005, Salmond 2011). Es wird erwartet, dass sie ihre beruflichen Kenntnisse einsetzen, um die Familie zum Geschehen ausreichend zu informieren und dass der pflegebedürftige Angehörige eine gute Qualität in der Pflege und der medizinischen Versorgung erfährt (Salmond, 2011).

Arbeitsbedingungen in der Gesundheitsversorgung

Double Duty Carer (DDC) sind besonderen Belastungen und Herausforderungen ausgesetzt: Diese sind zum einen durch die Besonderheiten des Schichtdienstes, die regelmäßigen Wochenenddienste sowie unvorhergesehene berufliche Verpflichtungen, z.B. kurzfristige Dienstplanänderungen, Überstunden, bedingt. Zudem werden auch an freien Tagen die pflegebedürftigen Angehörigen versorgt, sodass keine ausreichende Erholung stattfinden kann. Zum anderen kommen die psychischen und physischen Belastungsfaktoren in der gesundheitlichen Versorgung sowie die spezifischen Belastungsfaktoren durch die Angehörigenpflege hinzu. Diese Belastungsanforderung mit dem eigenen Erholungsbedürfnis zu vereinbaren stellt die DDC, aber auch deren Arbeitgeber vor Herausforderungen.

Was sagt die Forschung über Double Duty Care?

Die Forschung zur besonderen Situation von „Double Duty Carer“ ist derzeit sehr wenig ausgeprägt. In der bisherigen Studienlage dominieren vor allem Untersuchungen bei Pflegekräften, vorzugweise im angelsächsischen Raum.

Wie hoch ist der Anteil von DDC in der Gesundheitsversorgung?

Wie viele Double Duty Carer in der Pflege tätig sind, ist unklar. Laut ersten Schätzungen liegen die bisherigen Angaben bei 30 – 50 % in Kanada (Ward-Griffin et al.,2009) und bei rund 8 % in Deutschland (Dichter et al., 2012). Die Diskrepanz liegt u.a. an unterschiedlichen Definitionen zur Pflege und Pflegebedürftigkeit, die den jeweiligen Gesundheitssystemen zugrunde liegen (vgl. Franke & Reichert, 2011).

Wie wirkt sich Double Duty Caregiving …

… auf die Gesundheit aus?

Erste Studien zeigen, dass die doppelte Pflegeverpflichtung sich nachteilig auf die Gesundheit auswirkt. Verschiedene Studien zeigen die Beeinträchtigung der physischen Gesundheit (Dichter et al. 2012) sowie der psychischen Gesundheit, z.B. emotionale Erschöpfung auf (Boumans und Dorant 2013; Ward-Griffin 2013). In der Studie von  Boumans und Dorant (2013) gaben Double Duty Carer auch an, dass sie häufiger krank zur Arbeit gehen (sog. Präsentismus).

… auf deren berufliche Tätigkeit aus?

Die Beeinträchtigungen führen zur vorübergehenden krankheitsbedingten Arbeitsunfähigkeit bis hin zu dauerhaften Erkrankungen und Berufsunfähigkeit (vgl. u.a. DePasquale et al., 2014).

Speziell zum Wunsch von Double Duty Carer, ihren Beruf zu verlassen, liegen keine spezifischen Daten vor. In einer globalen Review-Studie von Lilly u. a. (2007) mit unterschiedlichen Berufsgruppen, hatten diejenigen Erwerbstätigen mit privater Angehörigenpflege eine höhere Eigenkündigungsquote, die zeitlich sehr stark in die private Angehörigenpflege eingebunden waren. In der DGB-Studie „Index Gute Arbeit 2010“ gaben nur 39 % der 46- 55-jährigen familial Pflegeleistenden an, ihren Beruf unter den derzeitigen Anforderungen bis zum Renteneintritt ausüben zu können. Es finden sich keine Hinweise darauf, dass diese Befunde für Double Duty Carer anders ausfallen würden. Zu befürchten ist, dass Gesundheitsfachpersonen (wie Pflegefachkräfte, Therapeuten etc.) den Beruf zugunsten von Arbeitsplätzen verlassen, die leichter mit familialen Pflegeaufgaben vereinbar sind.

… auf den Arbeitgeber aus?

Double Duty Carer stellen auch ihre Arbeitgeber und Vorgesetzten vor neue Herausforderungen in der Personalführung: So benötigen Beschäftigte mit zusätzlicher privater Angehörigenpflege aufgrund ihrer Zusatzbelastung mehr Aufmerksamkeit durch die Führungskraft, damit der Arbeitgeber seiner gesetzlichen Fürsorgepflicht nachkommen kann. Für Arbeitgeber, die gern unterstützen möchten, ist jedoch die Absicherung der Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit eine zusätzliche Herausforderung.

Gibt es Erkenntnisse zu Unterstützungsmaßnahmen?

Aktuell fehlen im Hinblick auf angemessene Unterstützungsmaßnahmen zur Vereinbarkeit von beruflicher und familialer Pflege bislang weitgehend spezifische Erkenntnisse. Bisher dokumentierte Good-Practice Beispiele der betrieblichen Praxis lassen sich auf den Pflege- und gesundheitlichen Versorgungsbereich nur eingeschränkt übertragen (z. B. Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend 2014). Tele- und Homeoffice sind in aller Regel nicht realisierbar.

Ward-Griffin und Kollegen formulierten als ein Ergebnis ihrer Forschung zu Double-Duty Carers drei Grundtypen des DDC-Phänomens.

  • Der Idealtyp ist dadurch gekennzeichnet, dass die Vereinbarkeit durch geringe eigene Erwartungen und Erwartungen der Familie in Bezug auf Pflegeübernahme von Angehörigen und durch eine ausreichende Unterstützung der Double Duty Carer gelingt („making it work“).
  • Beim zweiten Typ („working to manage“) lässt sich die Vereinbarkeit schlechter realisieren, ist aber im begrenzten Ausmaß noch möglich. Die eigenen Erwartungen und die von anderen sind moderat gesteigert, gleichzeitig ist die Unterstützung verringert.
  • Der dritte Typ beschreibt die Situation, wenn keine Vereinbarkeit mehr gegeben ist („living on the edge“). Hohe Erwartungen und geringe Unterstützung charakterisieren diesen Typ (Ward-Griffin et al. 2005).

Irén Horváth-Kadner
Kerstin Thümmler
Thomas Fischer
Stand Januar 2019

Ausgehend davon lassen sich vier Stellgrößen für die Bewältigung von Double Duty Care ableiten:

a) die eigenen Erwartungen,
b) die Erwartungen der Familie,
c) Unterstützung aus der Umgebung und d) eigene Bewältigungsstrategien.